Unser Kolumnist Alfred Frei fragt heute: War Otto der Große ein Deutschdenker?
Ein Kaiser des Mittelalters als Kronzeuge für einen AfD-Wahlkampfslogan? Prof. Dr. Alfred Frei nimmt sich in seiner neuen Kolumne die Berufung auf Otto den Großen vor – und zeigt, wie weit „Deutsch denken“ von der historischen Figur entfernt liegt.
„Otto der Große statt Bauhaus“. So bringt die Mitteldeutsche Zeitung (MZ) vor kurzem die Aussagen von Hans-Thomas Tillschneider auf den Punkt. Tillschneider, Landtagsabgeordneter der Alternative für Deutschland (AfD), stellvertretender AfD-Landesvorsitzender und Fraktionsvorsitzender, ist einer der Hauptautoren des AfD-Wahlprogramms für Sachsen-Anhalt. Es stellt sich die Frage: War Otto der Große wirklich ein Deutschdenker? „Deutsch denken“ soll nach der AfD nämlich der neue Slogan für Sachsen-Anhalt werden – anstelle von „modern denken“. Und gegen die angebliche „Regenbogenideologie“ vorgehen …
Otto der Große (912–973) war ab 936 Herzog von Sachsen und König des Ostfrankenreichs, ab 951 König von Italien und wurde 962 vom Papst als Kaiser des Römischen Reiches gekrönt – ein wirklicher Europäer. Übrigens wurde auch erstmalig seine Frau Adelheid, aus dem Burgund stammend, als Kaiserin gekrönt.
Deutschland? Da hatte Otto noch nichts davon gehört. Die Kaiser von Karl dem Großen bis ins Spätmittelalter verstanden sich als direkte Nachfolger der römischen Kaiser und regierten wie diese ein multiethnisches (aus vielen „Völkern“ bestehendes) Reich mit immer wechselnden Grenzen. Der Zusatz „deutscher Nationen“ resultiert auch aus der immer heftiger werdenden Feindschaft zwischen Kaiser und Papst nach der Reformation und markiert die Abgrenzung von päpstlichem Einfluss, unterstreicht die Duisburger Germanistin Gabriele Herchert. Der Plural ‚Nationen‘ weist deutlich darauf, dass es sich nicht um eine deutsche Nation handelt (die wird erst im 19. Jahrhundert erfunden), sondern um unterschiedliche Regionen und Städte, die mit dem Sammelbegriff Nationen bezeichnet werden. „Deutsch“ (theodiskus) bedeutet ursprünglich nur volkssprachig, im Gegensatz zu Latein, und umfasste alle möglichen Sprachen, Dialekte und Regiolekte. Erst die Humanisten schauten sich viele Jahrhunderte später die Sprachen genauer an. Otto hielt sich also wohl für einen unmittelbaren Nachfahren von Cäsar und Karl dem Großen und konkurrierte mit den Byzantinern und Arabern um die Beherrschung der damals drei Kontinente.
Otto den Großen als Deutschdenker zu benennen, sitzt einem verhängnisvollen Irrtum auf. Wie der Magdeburger Mittelalter-Historiker Stephan Freund am Montag in der Merseburger Hofstube ausführte, bedeutet diese Deutschtümelei, die Sichtweise des 19. Jahrhunderts zu verlängern. Und in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts hatte dies katastrophale Konsequenzen: Der vom nationalsozialistischen Deutschland ausgehende 2. Weltkrieg führte zu 60 Millionen Toten durch direkte Kriegseinwirkung und ermordete rund 6 Millionen Juden im Holocaust, zwei Drittel aller damals lebenden Juden.
Tillschneiders eigene Worte zu Kirche und Glaube
Tillschneider, der selbst eine erfreulich breite europäische Biografie aufweist, kritisiert stattdessen dieses „internationale Vagabundentum […], weil es die Säure ist, die unsere Nationalstaaten zerfrißt.“ 2024 sagte Tillschneider im Landtag, dass „so mancher geistliche Würdenträger im Dienste des Widersachers“ unterwegs sei. Er wisse, dass „Gott … mit uns [sei], Gott ist mit der AfD“. Er lehnt die evangelische Kirche insgesamt ab; bei den Katholiken lässt er nur einige „Widerstandsnester“ gelten, wie die von der katholischen Kirche ausgeschlossene Pius-Bruderschaft.
Dem setzt er nicht eine humanistische Weltanschauung gegenüber, sondern die religiöse Orthodoxie, wie sie in Russland, Serbien usw. wirkt. „Nur noch die Orthodoxie kann uns retten“, schreibt er in einem Aufsatz Ende 2025. Die „Leugnung der Existenz des Teufels“ und die anderen angeblichen Verirrungen „verdichten sich in der Regenbogenfahne als dem Symbol dieser Perversionen“. Alle sind somit angeblich „pervers“: die verzweifelten Bauern und Bürger, die im Bauernkrieg 1524/25 die Regenbogenfahne als Fahne der Hoffnung hissten; die Bürgerinitiativen in den USA und anderswo, die Friedensbewegung, die Naturschützer*innen, die Frauenbewegung, die Initiativen sexueller Gleichberechtigung, die Ende des 20. Jahrhunderts zur Regenbogen-Koalition zusammenfanden. Vielleicht brauchen wir auch heute wieder dieses Zeichen der Hoffnung und der Vielfalt: den Regenbogen.
Unser Kolumnist Alfred Frei war langjähriger Kulturhistoriker an der Hochschule Merseburg. Er lebt am Geiseltalsee und in Marseille.
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