Foto: Symbolfoto einer Modefiliale © zixball/depositphotos
Was am 2. Juli im Merseburger Stadtrat noch ein Gerücht war, ist für einen Teil inzwischen bestätigt. AWG Mode schließt Ende Oktober seine Filiale in der Gotthardstraße 13a. Ob dem Nachbarn Müller in der Gotthardstraße 20 dasselbe droht, hält die Konzernzentrale in Ulm bislang offen.
Merseburg, 8. Juli 2026 – Voraussichtlich Ende Oktober schließt AWG Mode seine Filiale in der Merseburger Gotthardstraße 13a. Das hat die Zentrale des Familienunternehmens im baden-württembergischen Köngen auf Anfrage von Merseblatt bestätigt. Vor der Schließung will die Kette einen Räumungsverkauf mit Rabatten von bis zu 70 Prozent anbieten. In Merseburg konzentriert sich AWG danach auf den zweiten Standort im Kaufland an der Querfurter Straße 16. Der Mietvertrag für das Haus in der Fußgängerzone laufe aus, so die Auskunft aus Köngen.
Zur Sprache gekommen war ein mögliches Aus für die Filiale bereits in der Stadtratssitzung am 2. Juli. An dem Donnerstagabend brachte eine Stadträtin nicht nur AWG selbst ins Gespräch, sondern auch das Kaufhaus gegenüber.
In der Stadt gehe das Gerücht um, dass mit einem Wegzug von AWG ebenfalls das Kaufhaus Müller in der Gotthardstraße 20 schließen könnte, sagte sie. Beide Häuser stehen sich in der Fußgängerzone praktisch gegenüber.
Merseblatt hat nach der Sitzung bei beiden Zentralen nachgefragt. Aus Köngen kam wenige Tage später eine klare Bestätigung, aus Ulm eine zurückhaltende Antwort. Die Pressestelle des Drogerie-Konzerns Müller ließ ausrichten, sie könne „derzeit leider keine Informationen zu den angesprochenen Punkten bezüglich der Filiale in Merseburg geben“. Auf die konkreten Fragen nach möglichen Schließungsplänen, nach einem Zusammenhang mit der Entwicklung bei AWG und nach der Zahl der Beschäftigten ging die Zentrale nicht ein. Nach einem klaren Dementi des Schließungsgerüchts klingt das nicht.
Ein Kaufhaus, das mit der Sanierung der Innenstadt kam
Das Kaufhaus Müller in der Gotthardstraße prägt das Bild der Merseburger Innenstadt seit rund drei Jahrzehnten. In der städtischen Broschüre zur Stadtentwicklung zwischen 1990 und 2015 wird das Haus unter den wichtigsten stadtbildprägenden Baulückenschließungen der Innenstadtsanierung geführt. Im gleichen Zusammenhang tauchen die Kliapassage mit Kliaplatz und Tiefgarage, das Thietmarforum und das Bankgebäude am Sonnenwinkel auf.
Anfang der neunziger Jahre bestimmten Kriegsschäden und vernachlässigte Bausubstanz das Bild der Gotthardstraße. 1994 und 1995 wurde sie als Fußgängerzone neu gepflastert, in Naturstein und mit denkmalpflegerischem Anspruch. Der Neubau des Müller-Hauses fiel in diese Phase. Er zählt zu den Investitionen, die die Fußgängerzone nach der Wende überhaupt erst wieder mit Handel gefüllt haben.
Bis heute führt die Filiale ein Vollsortiment aus zwölf Warenbereichen, von Drogerie und Parfümerie über Handarbeit, Bücher und Elektronik bis hin zum Tiershop. Wer allerdings am Samstag noch am Nachmittag einkaufen will, ist auf den Weg ins Nova Eventis nach Leuna-Günthersdorf angewiesen. Das Merseburger Haus schließt bereits um 16 Uhr, während das im Einkaufszentrum bis 20 Uhr geöffnet bleibt. Auf der Karriereseite des Konzerns findet sich derzeit keine einzige Ausschreibung für die Gotthardstraße. Insgesamt sind im Radius von hundert Kilometern um Merseburg nur drei Stellen offen.
In Weißenfels ist es schon passiert
Im Nachbarlandkreis war es Ende April 2026 so weit. Das Müller-Kaufhaus in der Weißenfelser Jüdenstraße 2 schloss endgültig, nachdem der Konzern die Aufgabe des Standorts im Februar angekündigt hatte. Dabei hatten der Weißenfelser Oberbürgermeister Martin Papke (CDU) und die CDU-Landtagsabgeordnete Elke Simon-Kuch im Sommer zuvor bei Erwin Müller persönlich vorgesprochen und die Zusage bekommen, den Standort langfristig zu erhalten. Das Sortiment sollte sich auf Drogerieartikel verkleinern, die Verkaufsfläche auf das Erdgeschoss beschränken, ein mehrwöchiger Ausverkauf den Übergang einleiten. Umgesetzt wurde nichts davon.
Die Stadt Weißenfels hat auf das Aus rasch reagiert. Am 24. April 2026 beschloss der Aufsichtsrat der Wohnungsbau Wohnungsverwaltung Weißenfels GmbH, kurz WVW, den Kauf des ehemaligen Müller-Kaufhauses. Verkäufer war Erwin Müller, dem das Gebäude selbst gehört. Der Weißenfelser Stadtrat zog am 2. Juli 2026 nach. An eben jenem Donnerstag, an dem in Merseburg die Wortmeldung über das mögliche Müller-Aus fiel, hoben die Weißenfelser Stadträte den 2022 gefassten Beschluss für einen Bibliotheksneubau in der Jüdenstraße 1 bis 5 auf.
Stattdessen soll das ehemalige Müller-Haus zur neuen Stadtbibliothek umgebaut werden. 2,3 Millionen Euro aus einem alten Abwasser-Rechtsstreit fließen in den Umbau. Die Weißenfelser Verwaltung rechnet mit Gesamtkosten von knapp 7,2 Millionen Euro. Ein Neubau am ursprünglich vorgesehenen Standort wäre auf rund 16,7 Millionen Euro gekommen. Erste Gespräche mit dem Landesverwaltungsamt über Städtebaufördermittel seien konstruktiv verlaufen, teilte die Stadt bei Instagram mit. Die aktuelle Bibliothek im Novalishaus kommt auf 250 Quadratmeter, im umgebauten Müller-Haus wären es rund 1.500.
Der Kaufland-Standort in Merseburg bleibt
Da AWG in Merseburg mit zwei Häusern vertreten ist, konzentriert sich das Unternehmen künftig auf die Adresse im Kaufland an der Querfurter Straße. Betroffenen Beschäftigten der Innenstadtfiliale seien im persönlichen Gespräch verschiedene Wege für eine Weiterbeschäftigung vorgestellt worden, dabei seien auch andere AWG-Filialen in der Region berücksichtigt worden, teilte die Zentrale mit. Wie viele Menschen von der Schließung betroffen sind, sagte das Unternehmen nicht.
AWG ist ein Familienunternehmen mit Sitz in Köngen bei Stuttgart, gegründet 1969 vom Schneidermeister Imanuel Maier. Ein Jahr später eröffnete das erste Modehaus am Firmensitz. Heute betreibt die Kette mehr als 240 Filialen in mehreren Bundesländern. Den Umsatz weist das Unternehmen für das Geschäftsjahr 2023 mit rund 208 Millionen Euro aus. Ohne Krisen kam der Weg dorthin allerdings nicht aus. Ende Januar 2019 beantragte AWG ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung. Ein halbes Jahr später konnte das Verfahren beendet werden. Von den damals knapp 300 Filialen wurden 47 aufgegeben.
Die Fußgängerzone wartet auf Klarheit
Für die Merseburger Fußgängerzone hängt viel davon ab, wie sich Müller in den kommenden Wochen positioniert. Mit AWG geht bereits eine große Adresse. Ob mit Müller ein weiteres prominentes Haus folgt, ist offen. Das MITZ und die Stadt dürfte sich mit dieser Frage möglicherweise bald konfrontiert sehen. In Weißenfels hatten persönliche Zusagen aus der Konzernspitze am Ende nicht gehalten. Wie es in Merseburg ausgeht, wissen derzeit nur die Verantwortlichen in Ulm.







Vielen Dank für Ihre Recherchen. Im Rathaus war man ratlos. Grüßaugust wird es schon richten. Der verbrennt erst mal 300.000 Euro Steuergeld in die Gotthardstr.