Foto: Bundesarchiv CC – Lizenz by Wikimedia Commons – Merseburg August 1991, Lenin-Denkmal © Joachim F. Thurn
Fast 35 Jahre nach seinem Abbau am Gotthardteich sorgt der Merseburger Lenin für Streit in einer niederländischen Gemeinde. Was dahintersteckt und welchen ungewöhnlichen Vorschlag ein Groninger Bürger nach Merseburg schickte.
Wenn man als Merseburger dieser Tage über den Betriebshof des Unternehmers Henk Koop im niederländischen Tjuchem fahren würde, stieße man auf einen alten Bekannten aus Merseburg. Neun Meter hoch, aus Bronze gegossen, einen Arm nach vorn ausgestreckt – so stand die Lenin-Statue bis 1991 am Ostufer des Gotthardteichs, der Einmündung der Gotthardstraße gegenüber. Heute steht sie weit im Norden der Niederlande auf einem Firmengelände in der Provinz Groningen und ist der Grund, warum sich der Gemeinderat der niederländischen Gemeinde Oldambt seit Wochen streitet.
Ein Wahrzeichen verschwindet nach der Wende vom Teich
Aufgestellt wurde das Denkmal Anfang der 1970er Jahre, geschaffen von den sowjetischen Bildhauern M. F. Baburin, G. P. Lewitzkaja und J. I. Kuturew. Vier Meter breit und nach niederländischen Angaben rund 17 Tonnen schwer, stand es über zwei Jahrzehnte am Gotthardteich, bevor es am 12. Oktober 1991 unter Protesten von seinem Sockel gehoben wurde. Fast sechs Jahre lagerte die Statue anschließend in einer Halle auf dem ehemaligen Militärflugplatz Merseburg, wo sie wiederholt Metalldiebe anlockte. 1997 kaufte sie der niederländische Unternehmer Henk Koop der Stadt für 20.000 Mark ab und ließ sie im Januar jenes Jahres per Tieflader über die Grenze bringen. Seither steht sie, mit Unterbrechungen und gelegentlich verliehen, auf seinem Betriebsgelände in Tjuchem.
Als Theaterkulisse kehrt der Koloss ins Rampenlicht zurück
Ende Juli 2026 holte ihn die Theatergruppe Zummerbühne noch einmal heraus. Per Tieflader und Kran, ein Vorgang von mehreren Stunden, wanderte die Statue ins nahe gelegene Oostwold, wo sie als Kulisse für das Musiktheaterstück “De Graanrepubliek” diente und hinter der Zuschauertribüne aufgestellt wurde. Die Produktion, nach dem Buch des Schriftstellers Frank Westerman, erzählt vom Klassenkampf zwischen reichen Getreidebauern und armen Landarbeitern in der Region Ost-Groningen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. “Niemand kan eromheen”, sagte Peter Funcke von der Theatergruppe Zummerbühne dem niederländischen Sender NOS, niemand komme an ihr vorbei. Dass ausgerechnet das einzige große Lenin-Denkmal der Niederlande nun bei seiner Produktion gelandet sei, nannte er “heel bijzonder en curieus”, sehr besonders und kurios.
Nach den Aufführungen, die bis Anfang September liefen, sollte die Statue für zehn bis fünfzehn Jahre an ihrem neuen Standort bleiben, als Teil eines Besucherzentrums zur Geschichte des Kommunismus in Ost-Groningen. Träger ist das Centrum De Graanrepubliek in Oostwold, hervorgegangen aus einer Genever-Brennerei, die Freek Kupers und Henriëtte Davelaar auf einem alten Bauernhof betreiben. Zur eigenen Haltung schreibt das Zentrum auf seiner Internetseite, man wähle keine Seite. Davelaar sagte NOS, die Statue “doet iets met je”, sie löse etwas aus, sie “schuurt”, reibe und kratze – aber sie sei kein Propagandabild, sondern erzähle etwas über die Geschichte der Gegend.
Die Gemeinde Oldambt sagt vorerst Nein
So einfach wollte die Gemeinde Oldambt die Sache nicht sehen. Am 10. September teilte sie mit, keine Genehmigung für die dauerhafte Aufstellung erteilen zu wollen. Ein Sprecher begründete das gegenüber dem Sender RTV Noord damit, dass die Statue für Aufruhr und Diskussion sorge und sich in Oldambt jeder zu Hause und willkommen fühlen solle; zudem halte die Gemeinde neun Meter ohnehin für zu hoch. Noch am selben Tag ging die Statue zurück nach Tjuchem. Davelaar zeigte sich überrascht, schließlich habe die Statue während der Theaterwochen keinerlei Unruhe ausgelöst; ohne sie, kündigte sie an, werde es das Besuchszentrum in der geplanten Form nicht geben. Sie kündigte Widerspruch an und setzte auf eine Lösung im Gespräch.
Politisch ist die Statue damit längst zum Streitfall geworden. Der Ortsverband der CDA lehnt eine dauerhafte Aufstellung ab. Sprecher Simeon Naaijer nannte Lenin gegenüber dem Sender Hart van Nederland einen Massenmörder ohne jeden Bezug zur Gemeinde und schlug stattdessen vor, an den in Winschoten geborenen Kommunisten Engel Modderman zu erinnern. Die Parteien PRO, VCP, SP und D66 sehen das anders: PRO-Vertreter Hilbert Flokstra argumentiert, die Statue könne eine Debatte über die kommunistische Vergangenheit der Region eröffnen, VCP-Mann Jan Kenter nennt die geplante Ablehnung eine verpasste Chance, seine Fraktion verweist zudem auf den möglichen touristischen Wert und die Geschichte der Graanrepubliek.
Bebauungsplan erlaube nur 5 Meter
Am 7. Oktober bekräftigte das Gemeindekollegium schriftlich seine Absicht, die Genehmigung zu verweigern, diesmal mit einer rein rechtlichen Begründung: Der Bebauungsplan erlaube an diesem Standort Bauwerke ohne Gebäudefunktion nur bis fünf Meter Höhe, eine Verlegung auf dem Grundstück ändere daran nichts, und die gesellschaftliche Debatte um Lenin spiele für die Genehmigung keine Rolle, solange keine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit vorliege. Noch am selben Mittwochabend setzten sich die vier Fraktionen im Rat knapp durch. Mit 13 zu 12 Stimmen beschlossen die Ratsmitglieder einen Antrag, der das Gemeindekollegium auffordert, noch einmal mit den Initiatoren zu sprechen, und der eine grundsätzlich positive Haltung zur Statue formuliert.
Binden kann der Rat das Kollegium damit nicht, die endgültige Entscheidung über die Genehmigung liegt bei Bürgermeister und Beigeordneten. Das bestätigte auf Nachfrage der Fraktion Gemeentebelangen Oldambt auch der zuständige Beigeordnete Erich Wünker, der im Übrigen auf weitere Fragen während der Sitzung nicht einging, um das laufende Verfahren nicht zu stören. Eine endgültige Entscheidung steht nach aktuellem Stand weiterhin aus.
Ein Groninger Bürger schickt Merseburg einen eigenen Vorschlag
In diese offene Lage hinein erreichte mich eine E-Mail aus Groningen. Der Niederländer Dimitri Knobbe, der sich in seiner Heimat gegen eine dauerhafte Aufstellung der Statue ausspricht, hat sich nicht nur an den Gemeinderat von Oldambt gewandt, sondern auch an die Merseburger Presse. In einem dreiseitigen Brief, den er den Ratsmitgliedern Ende September schickte und mir zusammen mit seiner Mail zukommen ließ, schlägt er eine, wie er es nennt, konzeptuelle Erneuerung des Denkmals vor. Seine Idee lehnt sich an einen Bericht der Königlich Niederländischen Akademie der Wissenschaften über den Umgang mit umstrittenen Denkmälern im öffentlichen Raum an.
Eine Nachbildung des ursprünglichen Merseburger Sockels soll der Statue gegenüber aufgestellt werden, getrennt durch einen langen, geraden Entwässerungsgraben in der Nähe des geplanten Besucherzentrums. Lenin würde dann, so Knobbes Beschreibung, mit Wehmut und Verzweiflung zu dem Sockel hinüberblicken, von dem er einst gestürzt wurde, als gefallener Held.
Der schmale Graben soll dabei bewusst an den rund sechs Hektar großen Gotthardteich erinnern, an dessen Ufer die Statue einst stand, allerdings im Kontrast, von der monumentalen Teichkulisse der ehemaligen DDR zu einem, wie Knobbe im Groninger Platt schreibt, schlichten “Bauerngraben in Grunn”.Spott sei damit nicht beabsichtigt, schreibt er, sondern die Darstellung einer seiner Ansicht nach weitverbreiteten Überzeugung, dass ein bewaffneter revolutionärer Kampf, der jedes Mittel heiligt, keine Nachahmung verdient. Ob sein Vorschlag jemals umgesetzt wird, lässt er ausdrücklich offen – das, schreibt er, sollten die Bewohner Merseburgs selbst beurteilen.

Foto: Standort aus der Mail, wo Lenin laut Vorschlag von Dimitri Knobbe stehen solle
Bis dahin bleibt die Statue dort, wo sie seit über einem Vierteljahrhundert meistens steht, auf dem Hof in Tjuchem, weit entfernt von ihrem alten Platz am Gotthardteich.







