Foto: Themensammlung der Diskussions- und Infoveranstaltung © Enrico Sempert
Rund 57 Bürger haben bei einer Informationsveranstaltung der EnBW zum geplanten Solarpark in Freiimfelde ihre Sorgen und Bedenken geäußert. Anwohner kritisieren vor allem Nähe zur Wohnbebauung und den Verlust hochwertiger Ackerflächen. Stadt und Investor verweisen auf rechtliche Vorgaben – eine Entscheidung steht noch aus.
Merseburg, 17.01.2026 – Rund 57 Bürgerinnen und Bürger sowie Mitglieder des Stadtrates und Oberbürgermeister Sebastian Müller-Bahr (CDU) haben am 15.01.2026 an der Informationsveranstaltung zum geplanten Solarpark im Ortsteil Freiimfelde teilgenommen. Eingeladen hatte der Investor EnBW und die Stadt. Ziel der Veranstaltung war es, Sorgen, Fragen und Argumente der Anwohnerschaft zu sammeln. Eine Entscheidung sollte an diesem Abend ausdrücklich nicht getroffen werden.
Der Oberbürgermeister eröffnete die Veranstaltung mit einem kurzen Grußwort und übergab anschließend an den Moderator Eckhard Hasler, Stadtplaner und Mediator. Hasler stellte zu Beginn Regeln für den Ablauf auf. Dazu gehörten gegenseitiger Respekt, ausreden lassen sowie der Verzicht auf Diffamierungen. Er machte deutlich, dass es sich um eine Informations- und Dialogveranstaltung handele, deren Inhalte in den weiteren Planungsprozess einfließen sollen.
Anwohner äußern Sorgen um Wohnqualität und Umgebung
Nach einer kurzen Vorstellungsrunde ergriff Nadine Darnstädt, Initiatorin der Petition (NATUR statt Solarpark am Wohnviertel) gegen den Solarpark, das Wort. Die Petition zählt nach ihren Angaben inzwischen rund 1.600 Unterstützer. Darnstädt machte deutlich, dass das geplante Solarfeld aus Sicht vieler Anwohner sehr nah an die Wohnbebauung heranrücken würde. Nach ihren Worten „direkt vor das Wohnzimmerfenster“. Für die Anwohner sei das Feld ein Stück Heimat, vergleichbar mit der Bedeutung des Merseburger Raben für die Stadt. Das Feld ist ein fester Bestandteil ihres Lebensumfelds und Heimatgefühls.
Zudem verwies sie auf die landwirtschaftliche Bedeutung der Fläche. Das Feld werde seit Jahrzehnten genutzt und verfüge mit einem Bodenwert von 70 über eine vergleichsweise hohe Bodenqualität. Eine Bebauung mit Solaranlagen würde aus Sicht der Anwohnerschaft dazu führen, dass die Fläche über lange Zeit nicht mehr landwirtschaftlich nutzbar sei. Im Namen der Anwohner appellierte sie an EnBW, von dem Standort Abstand zu nehmen und alternative Flächen zu prüfen.
Weitere Wortmeldungen aus dem Publikum betrafen mögliche Lärmbelastungen durch Trafostationen sowie Einschränkungen der Wohnqualität. Der angrenzende Jagdrain werde häufig als Spazierweg und Spielstraße genutzt, da dort nur wenig Verkehr herrsche. Auch der zu erwartende Baustellenverkehr und mögliche Belastungen durch schwere Lkw wurden kritisch gesehen.
Ein Anwohner richtete zudem eine direkte Frage an die anwesenden Stadtratsmitglieder, ob tatsächlich jede Grünfläche bebaut werden müsse. Verbunden war dies mit dem Appell, die Auswirkungen auf Freiimfelde bei den anstehenden Entscheidungen sorgfältig abzuwägen.
Stadt erläutert rechtliche Rahmenbedingungen
Im Anschluss ging Felix Drießen, Leiter des Stadtentwicklungsamtes, auf die Rolle der Stadt Merseburg ein. Er erläuterte das Freiflächen-Photovoltaikkonzept der Stadt, das auf mehreren Prüfstufen beruhe und sich an gesetzlichen Vorgaben orientiere. Erneuerbare Energien hätten in verschiedenen Gesetzen Vorrang, um die vom Bund vorgegebene Energiewende umzusetzen.
Aus dem Publikum kam daraufhin Kritik. Es wurde hinterfragt, nach welchen Kriterien Flächen als geeignet eingestuft würden und ob dabei nicht ein Ermessensspielraum bestehe. Drießen sprach von einer angespannten Tonlage. Moderator Hasler griff ein und erinnerte daran, der Stadtverwaltung ein Grundvertrauen entgegenzubringen, dass Planungen nach Recht und Gesetz durchgeführt würden.
Drießen stellte klar, dass das Konzept eine Bebauung nur dann zulasse, wenn für Bürger keine unzumutbaren Einschränkungen, Belastungen oder Gefahren entstünden.
EnBW stellt Planungsdetails vor
Für den Investor EnBW stellte Paul Schmoll zunächst das Unternehmen vor und ging anschließend auf den aktuellen Planungsstand ein. Vorgesehen ist eine Photovoltaikanlage mit einer Leistung von rund 7 Megawatt peak, mit der rechnerisch etwa 2.600 Haushalte mit Strom versorgt werden könnten.
Nach Angaben von EnBW sollen die Solarmodule mit sogenannten Rammpfosten im Boden befestigt werden. Eine flächige Versiegelung sei nicht vorgesehen. Versiegelt werde lediglich der Bereich der geplanten Batteriespeicher, da dies gesetzlich vorgeschrieben sei. Der Abstand zur Wohnbebauung betrage 40 Meter, gemessen ab der Grenze der Wohnbebauung. Zwischen den Modulreihen seien 3,20 Meter Abstand vorgesehen.
Zudem verwies Schmoll auf laufende Fachgutachten zu Flora, Biotopen, Zugvögeln und Insekten. Auf deren Grundlage würden mögliche Ausgleichsmaßnahmen geprüft und festgelegt. Auch Visualisierungen des geplanten Solarparks sowie mögliche Sichtschutzmaßnahmen wurden vorgestellt.
Finanziell rechnet EnBW mit jährlichen Einnahmen für die Stadt in Höhe von 17.500 Euro aus der EEG-Umlage. Über die gesamte Laufzeit des Projekts könnten sich diese Einnahmen auf rund 500.000 Euro summieren.
Kontroverse Diskussion mit offenen Fragen
In der anschließenden Diskussion ging es unter anderem um die Belastung durch Baustellenverkehr und die Frage geeigneter Zufahrtswege. Aus der Anwohnerschaft wurde bezweifelt, dass die vorhandenen Straßen für schwere Lkw ausgelegt seien. EnBW kündigte an, dieses Thema nochmals zu prüfen.
Unklarheit bestand zeitweise auch über größere Abstandsangaben zur Wohnbebauung. Eine zuvor in den Raum gestellte Zahl von 160 Metern wurde sowohl von der Stadt als auch von EnBW ausdrücklich verneint. Auch zur Pflege der Flächen zwischen den Modulen erklärte EnBW, dass keine Pestizide eingesetzt werden sollen.
Hitziger wurde die Diskussion, als Uwe Darnstädt (AfD) das Wort ergriff. Er äußerte Zweifel an der Auslegung gesetzlicher Vorgaben und forderte, dass sich alle Stadträte parteiübergreifend gegen den Solarpark positionieren sollten. Moderator Hasler versuchte einzugreifen, da der Beitrag aus seiner Sicht vom Thema abwich.
Zum Ende der Veranstaltung wurde klargestellt, dass derzeit Nutzungsverträge ausschließlich zwischen EnBW und den jeweiligen Grundstückseigentümern bestehen. Mit der Stadt Merseburg gebe es bislang keine vertraglichen Vereinbarungen. Eine Ablehnung des Projekts durch den Stadtrat würde nach Angaben der EnBW keine Schadensersatzansprüche auslösen, da kein Vertrag mit der Kommune existiert. Aus Sicht von EnBW wäre es sinnvoller, den bestehenden Bebauungsplan zu aktualisieren, als weiterhin mit einem Plan aus den 1990er-Jahren zu arbeiten.
Bürgerinitiative zieht nach Veranstaltung Bilanz
Nach der Informationsveranstaltung äußerte sich Nadine Darnstädt gegenüber Merseblatt nochmals zu dem Abend. Sie erklärte, sie habe grundsätzlich den Eindruck gewonnen, dass viele Stadträtinnen und Stadträte die Sorgen der Anwohner ernst nähmen. Dies zeige sich auch daran, dass es bereits Gespräche mit fast allen Fraktionen außer SPD/Grüne welche auf die Einladung hin nicht gekommen sein, außerhalb der offiziellen Termine mit der Bürgerinitiative gegeben habe.
Gleichzeitig bereiteten ihr die weiterhin laufenden Verhandlungen Sorgen. Viele Anwohner hätten ihre Ängste und Bedenken deutlich gemacht, zahlreiche von ihnen lebten seit ihrer Geburt in Freiimfelde. Anfangs habe sie angenommen, dass vor allem die unmittelbar angrenzenden Grundstücke betroffen seien, inzwischen habe sich jedoch gezeigt, dass die Ablehnung deutlich breiter im Ort verankert sei.
Besonders kritisch sieht die Bürgerinitiative weiterhin die landwirtschaftliche Bedeutung der Fläche. Das Feld werde seit über 100 Jahren genutzt und verfüge mit einem Bodenwert von 70* für die Landwirtschaft über eine hohe natürliche Bodenqualität.
*Anmerkung der Redaktion: Diese Zahl (Bodenwertzahl oder auch Ackerzahl) beschreibt die natürliche Standortgüte des Bodens und ist Teil der amtlichen Bodenschätzung (§ 4 Bodenschätzungsgesetz).
Davon zu unterscheiden ist der Bodenrichtwert (BRW). Dieser gibt den durchschnittlichen Grundstückswert pro Quadratmeter für ein typisches, unbebautes Grundstück in einer bestimmten Zone an und ist vor allem für Kauf, Verkauf und steuerliche Bewertungen relevant.
Unverständnis äußerte Darnstädt darüber, dass es in anderen Kommunen bereits Kriterienkataloge mit deutlich größeren Abständen – teils bis zu 200 Metern – zur Wohnbebauung gebe, während in Freiimfelde bislang ein Abstand von 44 Metern vorgesehen sei. Dass die Stadt Merseburg bislang keinen eigenen Kriterienkatalog beschlossen habe, die Fläche jedoch bereits im gesamträumlichen Konzept als geeignet ausgewiesen wurde, empfinde man als besonders problematisch.
Die Unterstützung der rund 1.600 Unterzeichner der Petition gebe ihr dennoch Mut, sich weiter für die Belange der Anwohner einzusetzen.
Anwohner zeigen vorsichtigen Optimismus
Auch Roland Ulrich äußerte sich im Anschluss auf Nachfrage von Merseblatt. Er erklärte, er sei trotz der weiterhin bestehenden Ablehnung des Solarparks vorsichtig optimistisch. Sein Eindruck sei, dass die vorgetragenen Einwände und Argumente bei Stadt und Politik nicht wirkungslos geblieben seien.
Ulrich hoffe, dass die Anliegen und Bedenken der Anwohnerschaft im weiteren Planungsprozess umfassend berücksichtigt würden. Gleichzeitig machte er deutlich, dass er sich weiterhin wünsche, dass der Solarpark letztlich nicht realisiert werde. Er fühle sich vom Stadtrat gehört und setze darauf, dass die Mandatsträger das Vertrauen der Anwohner rechtfertigten.
EnBW und Moderator ziehen positives Fazit
Auch der Investor zog im Nachgang eine überwiegend positive Bilanz der Veranstaltung. Auf Nachfrage von Merseblatt erklärte die anwesende EnBW, man habe den Abend trotz der spürbaren Emotionalität als sachlich und geordnet empfunden. Der Austausch mit den Bürgerinnen und Bürgern sei konstruktiv verlaufen. Die Sorgen und Bedenken der Anwohnerschaft nehme man ernst und werde sie im weiteren Planungsprozess berücksichtigen.
Ähnlich äußerte sich Moderator Eckhard Hasler. Er bewertete die Veranstaltung als gelungen und lobte die Merseburger für ihre engagierte Mitarbeit bei der Benennung von Themen und Argumenten. Zugleich machte er deutlich, dass der Diskussionsbedarf damit nicht ausgeschöpft sei. Es habe noch zahlreiche weitere Aspekte gegeben, über die man hätte sprechen können.
Entscheidung weiter offen
Die Informationsveranstaltung hat zahlreiche Positionen und Argumente sichtbar gemacht, eine Entscheidung aber nicht vorweggenommen. Diese wird in den kommenden Beratungen der städtischen Gremien fallen. Ob und in welcher Form der Solarpark in Freiimfelde realisiert wird, bleibt damit weiterhin offen.
Die ganze Diskussion und Infoveranstaltung kann man sich im Video anschauen. Herzlichen Dank an Merseburg Report (nicht offener Kanal) für die Bereitstellung.




















